Der Rechnungszins wird drastisch gesenkt

Die Politik hat beschlossen den für Lebensversicherer wichtigen Rechnungszins mit Wirkung zum Januar 2022 drastisch zu senken – von aktuell 0,9% auf dann 0,25%. Insbesondere junge Sparer, die auch mit geringeren Beträgen ihre Altersvorsorge bisher rentabel aufbauen konnten, verlieren dabei. Der Riester Rente droht gar vollständig das Aus!

von
Patrick Herold
Vorsorge
September 1, 2021

Die Senkung des Höchstrechnungszins setzt Rentenverträgen zu

Das Kapital und damit auch die Rente, welche dem dir als Sparer in einem Rentenvertrag zu Rentenbeginn zur Verfügung steht, wird maßgeblich von 2 Zinssätzen beeinflusst. In einem exakt kalkulierten Zusammenspiel bauen diese über die Laufzeit der Rentenversicherung dein Vermögen für deinen Ruhestand auf:

1)    Der Höchstrechnungszins bzw. „Garantiezins“

2)    Die variable Verzinsung aus den Anlagen

Der Garantiezins wird mit Wirkung zum Januar 2022 nun von 0,9% auf 0,25% abgesenkt. Während die heute kaum noch gehandelten klassischen festverzinsten Verträge hier meist ihre Gesamtrendite beziehen und dementsprechend schwer betroffen sind, betrifft dies auch die modernen fondsgebundenen Konzepte. Auch hier spielt der Garantiezins eine Rolle – und zwar in einem elementaren Bestandteil vieler Tarife: den garantierten Mindest-Leistungen!

Meist handelt es sich dabei um das Versprechen, dass wenigstens alle einbezahlten Beiträge des Sparers zum Renteneintritt zur Verfügung stehen bzw. je nach Vereinbarung auch nur ein Teil davon. Der Wert gilt bei den meisten Gesellschaften für die gesamte Laufzeiteines geschlossenen Vertrages und wird dem Kunden mit dem Vertragsbeginn festzugesichert.

In der Praxis entscheidet der Höchstrechnungszins damit auch, wie viel Geld aus deinen monatlichen Sparraten entnommen werden muss, damit ein möglicher festgeschriebener Garantie-Betrag (z.B. 80% oder 100% der einbezahlten Beiträge) zum Renteneintritt sicher zurVerrentung bereitsteht.

Der Zusammenhang ist simpel: Es besteht ein Zusammenspiel aus Geldbetrag und Zinssatz. Je höher der Höchstrechnungszins, desto geringer muss der Betrag bemessen sein, welcher aus deinen Einzahlungen in den Garantie-Topf fließt – und umgekehrt. Weniger benötigter Betrag zur Abdeckung von Garantien, bedeutet dabei stets mehr Geld für chancenreiche Anlagen. Mit den letztgenannten renditeorientierten Investments, die die Gesellschaft für dich tätigt, können allerdings meist erst die besonders attraktiven Renten bzw. Kapital erzielt werden.

Zusammengefasst: Durch die Senkung des Höchstrechnungszins muss zukünftig mehr Geld in den Sicherheits-Topf, um die dieselben Garantien zu erhalten. Damit ist von deinem Beitrag weniger Geld für renditestarke Anlagen übrig. Die Versicherung kann weniger Geld für dich erwirtschaften – und das kostet dich bares Geld in der Rente!

Höchstrechnungszins, ReZi und Garantiezins?

Beim Blick in die Nachrichten und Meldungen begegnet dir neben einer gängigen Abkürzung für Höchstrechnungszinsin Form von „Rechnungszins“ oder ganz minimalisiert „ReZi“ auch der Begriff „Garantiezins“ als synonym. Ist also alles dasselbe? Möchte man ganz genau sein, dann ist dies nicht hundertprozentig korrekt. Während der Höchstrechnungszins den Wert angibt, welcher von Gesellschaften maximal genutzt werden darf, um zu kalkulieren, handelt es sich beim Garantiezins, um den Satz, den der Versicherer dir mindestens garantiert für deinen Vertrag. Der Garantiezins kann grundsätzlich also auch unter dem Höchstrechnungszins liegen. In der Praxis sind die Werte für das Zinsduo allerdings meist identisch – und so findest du in den Medien beide Begriff synonym, wenn von der Zinssenkung zum Januar 2022 berichtet wird.

Die Entscheidung zur Senkung

Zuständig für die Anpassung des Höchstrechnungszins ist das Bundesministerium für Finanzen (BMF). Ausschließlich hier liegt die rechtliche Zuständigkeit und Befugnis für Eingriffe in den Finanzmarkt in solch einer Größenordnung. Dabei folgen die Finanzexperten desBundes allerdings i.d.R. den Kalkulationen und Empfehlungen der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV), welche auch diesmal den Anstoß zur Veränderung des versicherungswirtschaftlichen Leitzinses gab. Nicht zuletzt darf auch die BaFin ihre Einschätzung zur Justierung des Höchstrechnungszins zur Berücksichtigung einfließen lassen und auch der DAV wiederum Empfehlungen aussprechen. Möglich ist der BaFin sogar ein Veto bei der Prüfung und Genehmigung von Versicherungs-Produkten, womit von ihr auch indirekt Einfluss auf die Gesellschaften und dieTarif-Landschaft genommen werden kann.

Die letztmalige Anpassung des Höchstrechnungszins datiert bereits einige Zeit zurück: Als Antwort auf das anhaltende Niedrigzinsumfeld wurde zum Beginn des Jahres 2017 eine Korrektur von damals gültigen 1,25% hin zu den aktuellen 0,9% umgesetzt. Den Versicherern werde es zunehmend schwierig in sicheren Papieren noch genug Zinsen zu erwirtschaften, um Garantien abzudecken, so der damalige Konsens.

Die diesmalige Veränderung des Zinswerts hat sich folglich etwas Zeit gelassen, fällt dafür aber umso höher aus. Die DAV pochte zwar schon zum Januar 2021 aufgrund fehlender positiver Entwicklungen an den Kapitalmärkten, auf eine weitere Senkung des Zinses auf anvisierte 0,5%. Mit den Herausforderungen und turbulenten Zeiten im Zeichen von Corona standen allerdings andere Themen für die Politik im Fokus.

Mit einem Jahr Verzögerung wird die Anpassung nun nachgeholt. Dabei zollt das Finanzministerium auch den negativen wirtschaftlichen Folgen der Pandemie Rechnung und bezieht diese in ihreEntscheidung mit ein. Ebenfalls in Einklang mit der DAV Empfehlung wurde dieSenkung zum Januar 2022 auf dann 0,25% beschlossen.

Besonders betroffen: Sparer mit geringen Beiträgen

Das Nachsehen haben durch dieSenkung des Höchstrechnungszins besonders u.a. Sparer, die sich mit kleinenBeiträgen ihre Vorsorge aufbauen möchten oder müssen.

Je früher mit dem Sparen begonnen wird, desto geringer sind (und bleiben!) die Beiträge, die zum Aufbau einer gewünschten Ziel-Rente benötigt werden. Der Zinseszins-Effekt – die Mitverzinsung von erwirtschafteten Zinsen – ist hier der Schlüssel zum starken Wachstum des Kapitals. Das Prinzip dieses Effekts oder Varianten davon, finden sich in vielen Anlageformen. Besonders Studenten und Azubis als auch Sparer mit geringeren Möglichkeiten, konnten sich mit dieser Strategie bisher nachhaltig günstige Beiträge sichern.

Die Achillesferse sind für solche Konzepte allerdings Zins-Korrekturen. So müssen sich Sparer die sich nicht nur auf die Zinskraft, sondern auch auf großes Budget verlassen können, wenig Sorgen um Altersarmut machen. Würde mit moderaten oder großen Beiträgen gespart, so wirken Zinseffekte überproportional: Eine Verdopplung der monatlichen Sparrate führt zu deutlich mehr als dem doppelten an Kapital zum Rentenbeginn. Eine Verringerung der Zinskraft ist in diesen Fällen teilweise zu verschmerzen und es bleibt noch genug Rente für den Ruhestand.

Bei kleinen Sparbeträgen und dem Zins als nahezu einzigen Faktor für das Gelingen des Rentenaufbau gibt es hingegen kaum Spielraum. Sinkt der Zins, können bisher funktionierende Kombinationen aus kleinen Beiträgen und einem bestimmten Kapital-Ergebnis u.U. nicht mehr umgesetzt werden. Du erreichst das gewünschte Ergebnis dann nur noch mit einem Zuschlag auf deine Sparrate.

Dem Riester Vertrag droht das aus

Besonders den, wegen staatlicher Förderung sehr beliebten, Riester Vertrag bringt die Senkung des Höchstrechnungszins in die Bredouille.

Bei diesem Renten-Konzept muss zum Rentenbeginn die Summe aus einbezahlten Beiträgen sowie erhaltenen staatlichen Förderungen stets zu 100% garantiert sein. Bei einer Kalkulation mit höchstens 0,25% Verzinsung ist diese Garantie allerdings mathematisch zukünftig kaum noch umsetzbar. Um dies zu verstehen, hilft ein Blick in die Eigenheiten und Regularien des Riester-Modells:

Auch aufgrund der Beteiligung vonÄmtern und Staat als dritten Partner im Renten-Vertrag (neben Kunde undVersicherungsgesellschaft) fallen die Abschluss- und Verwaltungskosten hier vergleichsweise hoch aus. Dein Vertrag beginnt mit einem hohen Minus-Saldo, der zunächst von dir aufgeholt werden muss. Vergleichsweise hohe laufende Kosten reduzieren zusätzlich deine effektive monatliche Spar- bzw. Investmentsumme enorm – ein häufiger Kritikpunkt am Riester-Modell an sich. Da auch bei der Kalkulation aber erst der Sparbetrag, der nach Abzügen wirklich übrig bleibt, berücksichtigt werden darf, wird es auch für den Anbieter des Riester-Vertrags nun diffizil.

Mit 0,9% Höchstrechnungszins bisher noch möglich und teils lohnenswert, kann mit 0,25% Maximal-Verzinsung damit oft nicht einmal mehr das notwendige Kapital aufgebaut bzw. kalkuliert werden, welches der Versicherer dir zum Renteneintritt mindestens garantieren muss.

Die Versicherungsbranche fordert nicht zuletzt aufgrund der aktuellen Entwicklung daher eine umgehende Reformdes Riester-Konzepts. Einige große Gesellschaften haben zudem bereits eigenständig reagiert und teils erhebliche Konsequenzen gezogen. Unlängst folgte dieAnkündigung, dass bspw. die Allianz als auch die Stuttgarter Lebensversicherung aus dem Riester Geschäft ab Gültigkeit des neuen Höchstrechnungszins aussteigen wollen.

Warum nicht nur Verträge mit Beitrags-Garantie betroffen sind

Die Absenkung des Höchstrechnungszins hat maßgeblichen Einfluss auf die Garantien in Rentenverträgen. Bisher wurde dies insbesondere mit Blick auf Zusicherung von eingezahlten Beiträgen als nachteilig beschrieben. Sind die Regulierungen also unerheblich für chancenreich orientierte Sparer, die vollständig auf Beitragsgarantien verzichten? Leider nein!

In Verträgen ohne Beitragsgarantien bestehen meist Garantien in Form eines bestimmten Mindest-Rentenfaktors. Dieser stellt dem Kunden pro 10.000 EURO Kapital, welches zu Ruhestandsbeginn im Vertrag liegt, eine bestimmte Summe in EURO als Monats-Rente in Aussicht. Zwar ist also das insgesamt erzielte Renten-Kapital nicht garantiert, aber zumindest eine der beiden Variablen, mit welchen der Versicherer deine Bezüge zu Beginndes Ruhestands festlegt. 

Hier wirkt sich die Regulierung auch für Risiko-affine Sparer aus. Zur Kalkulation des Rentenfaktors werden Parameter wie u.a. das durchschnittliche Sterbealter sowie Kosten und (Höchstrechnungs-)Zins herangezogen. Auch für die versprochenen Mindest-Rentenfaktoren muss folgend mit sinkenden Werten gerechnet werden und damit auch direkt mit weniger garantierter Rente!

 

Auch Risiko-Absicherungen trifft die Zinssenkung

Auch in Bezug auf die Absicherung deiner wichtigsten Lebens-Risiken lohnt eine Überprüfung deiner aktuellen Situation. Eine mögliche Anpassung ist noch vor dem Januar 2022 zu empfehlen! So droht Ungemach auch u.a. der, vom Verbraucherschutz unbedingt empfohlenen, Berufsunfähigkeits-Absicherung.

Selbst der Berufsunfähigkeits-Absicherung und Alternativ-Konzepten (Grundfähigkeiten-Versicherung, Dread-Disease, u.ä.) liegt eine Kalkulation zugrunde, die den Höchstrechnungszins als Variable mit einbezieht. Deinem über die Laufzeit zu bezahlenden Monatsbeitrag liegt bspw. eine Berechnung zugrunde, die auf eine Durchschnittsbildung abzielt. Zu Beginn bezahlst du mehr für die Absicherung deines Risikos als rechnerisch notwendig. Dafür baut dein Versicherer Kapital für dich auf, welches dich im späteren Verlauf vor zu großen Beitragssteigerungen schützt. Kalkuliert wird das notwendige Guthaben zur späteren Beitragsentlastung mit dem jeweils gültigen Höchstrechnungszins.

Auch hier muss ab kommendem Jahr mit schlechteren Konditionen gerechnet werden: Für dieselbe Leistung für deine Absicherung musst du dann höhere Beiträge bezahlen.

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Patrick Herold

Patrick Herold war bei einem der größten Finanzdienstleister Deutschlands in den Bereichen fondsgebundene Altersvorsorge und Berufsunfähigkeits-Absicherung tätig. Mit seinem BWL-Hintergrund beriet er Startups im Bereich Controlling & Funding und führt mit der Erfahrung einer folgenden mehrjährigen Tätigkeit im Bereich Digitalisierung eine Digital-Agentur, die Arztpraxen und Kliniken beim Online-Marketing und bei der Personalgewinnung unterstützt.

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